Montag, 12. mai 2008
Zunächst einmal: ich hasse Nachtdienste. 
Ich hasse sie nicht wirklich, im Grunde sind sie zur Zeit das Einzige, was mir an meinem Job überhaupt noch Spaß macht, aber es ist einfach Scheiße (Entschuldigung) an einem Pfingstmontag Morgen nach Hause zu kommen, auf dem Balkon die Kühle und Stille zu geniessen, ins Bett zu gehen um vor zunehmender Hitze und Kinder- und Erwachsenen Geschrei nicht schlafen zu können.
Feiertag, die Stadt ist irgendwie tot. Ich liege den ganzen Tag auf dem Bett. Nachdem irgendein Nachbar seine Anlage so lautstark aufdrehte, dass ich die Bässe der Dancemusik im Bauch spürte, mache ich mir einen Kaffee, lege mich wieder aufs Bett. Die Vorhänge zu, damit Hitze und Tageslicht draussen bleiben, die Tür zum Balkon offen, damit sich die Hitze, die trotz Vorhang hineinkommt, nicht staut und mir das Gefühl einer Sauna vermittelt.
Ich kann immer noch nicht schlafen, verflucht. Ich habe nur zwei Tage frei und keine Lust, diese vor Müdigkeit auf dem Sofa oder dem Bett zu verbringen.
Fernseher an: Erdbeben in China, 7000 Tote Menschen und irgendwo hört jemand "Love is in the air", na toll.
Ich gehe mich rasieren, ziehe mir was an und gehe raus, um eine neue Packung Zigaretten zu holen. Die Stadt ist echt tot.

Wie genial. Ich wohne in einer Großstadt, mitten in der Mitte und an jedem Sonn- und Feiertag ist hier alles toter als zu Hause, auf dem Land. Ich sehe eine Asiatin mit iPod (oder zumindest typisch weissen Ohrhörern) und denke an "Love is in the air".

Wieder zu Hause fallen mir fast die Augen zu. Es ist immer noch heiß und noch lauter. Drei verschiedene Anlagen in Konkurrenz mit einem Rudel Fünfjähriger, die mitten in der Stadt aufwachsen. Weit und breit kein Spielplatz, aber ein Alkoholiker, der die Kinder regelmäßig anschreit und ihnen droht: "Love is in the air".

Wie gut, dass ich heute nicht arbeiten muss, um neunzehn Uhr gebe ich auf, schalte mein Laptop ein und überlege, was ich am Abend mache - wenn mir nicht die Augen zufallen. Berichte über das chinesische Erdbeben füllen die Nachriten Seiten. 
In meinen Emails wird mir tonnenweise Viagra angeboten, Kredite und Handys, alles schufafrei und wenn ich meine Kreditkartennummer in einen Link eintippe, bekomme ich eine Lieferung des in Deutschland verbotenen "Vicodin": "Love is in the air".

Ich lösche den Mist, übrig bleibt ein Gruß einer Bekannten aus England, es wird Zeit etwas zu tun, um wenigstens die letzten Stunden des Tages zu nutzen - hätte ich heute Morgen auf dem Balkon schon gewusst, wieviel Love heute in the air sein würde, ich hätte mich in den Hofgarten gelegt oder wäre mit Freunden an den Rhein gegangen, doch hinterher ist man immer schlauer.

Übrigens, noch mehr als Nachtdienste am Wochenende hasse ich diesen schrecklichen Song "Love is in the air" - furchtbar. 
von Joachim Naumann veröffentlicht in: Allgemeines Community: Sprechen durch Schreiben
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